Die bisher gemachten Erfahrungen sprechen für sich

Mulingula wurde in der Stadt Münster erstmalig 2008 in der Melanchthon-Grundschule als Pilotprojekt angelegt. Das Projekt findet dort unter der Leitung von Professor Grieshaber vom Sprachenzentrum der Westfälischen Wilhelmsuniversität eine wissenschaftliche Begleitung und wird im Rahmen einer sprachwissenschaftlichen Dissertationsforschung evaluiert. Relevant wird hier die Fragestellung, inwieweit sich die konkreten Lesefähigkeiten und Leseleistungen der teilnehmenden Kinder verbessert haben. Die ersten Evaluationsergebnisse sind Ende 2012 zu erwarten. Doch die positiven Erfahrungen und Resonanzen aller beteiligten Personen wie Kinder, Eltern, KollegInnen und VorleserInnen überzeugten auch auf administrativer Ebene und so wurde Mulingula bereits 2011/12 in zwei weiteren Schulen der Stadt Münster erfolgreich eingeführt. Die ausgewählten Schulen weisen einen hohen Anteil an Kindern mit Migrationsgeschichte auf. Die Sprachgruppen variieren von Schule zu Schule je nach Sprachzugehörigkeiten der Kinder; vorrangig sind Russisch, Türkisch, Arabisch, Polnisch und Romanes vertreten. In diesen Sprachen finden Vorleseangebote statt. Für eine Teilnahme an den Mulingula-Stunden sollten Sprachkenntnisse in der Muttersprache soweit vorhanden sein, dass die Kinder den Vorlesetexten inhaltlich folgen und sich an einer Anschlusskommunikation beteiligen können. Dazu müssen nicht alle semantischen und syntaktischen Zusammenhänge korrekt beherrscht werden. Wichtig ist die emotionale Bindung an die Muttersprache und die Vertrautheit, die sie erzeugt. Leseentwicklung und Lesekompetenz sind weit mehr von emotional-affektiven Vorgängen gesteuert als bisher angenommen. Um den Sprachstand der Kinder zu ermitteln, werden sie in Kleingruppen von MuttersprachlerInnen über das Erzählbuch „Frag mich“ von Antje Damm (2002) zum Sprechen angeregt. Solche Erstbegegnungen der Kinder mit der Muttersprache in einer bisher als rein deutschsprachig erlebten Umgebung bringen auch für den Beobachter immer wieder beeindruckende Schlüsselerlebnisse mit sich. Die Kinder der Sprachgruppe Romanes reagieren in dem Erstkontakt mit ihrem zukünftigen Vorleser geradezu atemlos. Die Erfahrung, der überwiegend im familiären Bereich gehörten und gesprochenen Sprache in der Institution Schule authentisch zu begegnen, löst häufig intensive emotionale Reaktionen aus. (Wieso kannst du unsere Sprache? Bist du einer von uns? Wohnst du hier? Kennst du meine Eltern?)

Die Sprachgruppe Romanes (auch Romani) stellt innerhalb des Projektes eine Besonderheit dar und erforderte auch ein konzeptionelles Umdenken in der lesedidaktischen Aufbereitung der Mulingula-Stunden.

Romanes, die Sprache der Roma und Sinti, ist besonders bei den Romaflüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien eine lebendige Familiensprache. Als überwiegend mündlich tradierte, aber auch sozial stigmatisierte Sprache finden sich erst seit jüngerer Zeit literarische Umsetzungen. Der Zugriff auf verfügbare Kinderliteratur ist daher im Vergleich zu allen anderen Sprachen eingeschränkt. In den Vorlesestunden kommt daher vorrangig deutsche Literatur zum Einsatz. Zentrale Schlüsselbegriffe und Redewendungen werden jedoch vorher isoliert und in die Sprache Romanes übersetzt. Texteinführende Erläuterungen sowie alle Gespräche über den Text, Antizipationen, verständnisklärende Auseinandersetzungen und Anschlusskommunikationen werden ebenfalls auf Romanes geführt. Auch Textumsetzungen, wie z. B. das szenische Spiel, finden in der Muttersprache statt. Den Kindern fällt das Switchen zwischen den Sprachen leicht. Sie sind es gewohnt, von einer Sprache in die andere zu wechseln. Neu für sie ist, dass sie dies auch außerhalb ihrer häuslichen Umgebung auf ausdrücklichen Wunsch in der Institution Schule tun. Sie erleben einen Angehörigen ihrer eigenen Kultur in der lehrenden Funktion. Die Aufwertung der Sprache und der Kultur stärken das Selbstwertgefühl und die Lernbereitschaft dieser Kinder ungemein. Mulingula-Feste bestätigen diese positive Resonanz auch bei den Eltern. Sie kommen zahlreich in Begleitung von Großeltern und Geschwisterkindern in die Schule und verfolgen mit Begeisterung die kleinen Darbietungen ihrer Kinder auf Romanes.

Diese positiven Effekte lassen sich auch in allen anderen Sprachgruppen beobachten. Für die russischsprachigen Kinder konnte in der Melanchthonschule inzwischen eine Ausleihbibliothek eingerichtet werden. Anna Slavina, die russischsprachige Vorleserin, freut sich über die Investition: „Die Kinder leihen die Bücher gerne aus und fragen nach neuen Anschaffungen. Oft stehen die Kinder in einer langen Schlange, um das eben vorgelesene Buch auszuleihen.“ Die aktive Ausleihtätigkeit der Kinder transportiert die Bücher direkt in die Elternhäuser und etabliert dort eine Family Literacy Kultur. Die Eltern werden von den Kindern zum Vorlesen aufgefordert und finden über Informationsabende die Ermutigung, literarische Traditionen weiterzugeben. Denn häufig beruht bei diesen Eltern das Versäumnis familiärer literaler Aktivitäten immer noch auf dem Missverständnis, die gezielte Weitergabe der Muttersprache behindere den deutschen Spracherwerb.

Auch die deutschsprachigen Kinder profitieren von Mulingula. In gemeinsamen zweisprachigen Leseworkshops begegnen sie in didaktisierter Form den vorhandenen Sprachen ihrer Klasse. Sie nehmen sie als gleichwertig wahr und zollen der Sprachkompetenz ihrer MitschülerInnen Respekt und Anerkennung. Über sprachvergleichende Betrachtungen erfahren sie Besonderheiten der eigenen Sprachen und Unterschiede grammatischer Strukturen. So erfassen sie z. B. unterschiedliche Artikelbildungen auf einer ersten sprachanalytischen Ebene, die sich jedoch aus dem direkten Sprachvergleich organisch entwickeln lässt.

Mulingula ist eine sinnvolle Ergänzung zu gängigen Sprachfördermaßnahmen. Im Zentrum steht das Kind mit seinen individuellen sprachlichen Ressourcen. Diese werden als Chance des Lernens begriffen und genutzt, um an Literatur – und Bildungssprache heranzuführen.


Literatur:

Bertschi-Kaufmann, Andrea: Das Lesen anregen, fördern, begleiten. Velber 2006
Damm, Antje: Frag mich! Frankfurt/M. 2002
Gogolin, Ingrid/Neumann, Ursula/ Roth, Hans-Joachim: Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund. Gutachten für die BLK, (107). Bonn 2003
Kruse, Norbert: Mehrsprachigkeit. Das Repertoire von Sprachen und Schriften nutzen und ausbauen. Grundschulunterricht Deutsch 1/2017, S. 4-7
Schader, Basil: Sprachenvielfalt als Chance. Zürich 2004
Strozyk, Krystyna: Mehrsprachigkeit und Sprachförderung. Literarisches Lernen – Aufgaben und Arbeitsmöglichkeiten. Grundschulunterricht Deutsch 1/2017, S. 37-45
Strozyk, Krystyna: Projekt Mulingula. Mehrsprachiges Vorlesen in der Grundschule. Grundschulunterricht Deutsch 1/2017, S. 21-25

Ausgezeichnet mit dem europäischen Sprachensiegel